30. März 1998

Gedanken zu einer Theorie der geschichtlichen Möglichkeit

Die weiteren Vorträge der Reihe
"Kritische Theorie und Poststrukturalismus"

Kritische Theorie behauptete zweierlei: die Möglichkeit einer humaneren als der kapitalistischen Gesellschaft und die Wirklichkeit einer historischen Entwicklung, die eine solche Gesellschaft moralisch zwingend und praktisch unerreichbar macht.
Beide Behauptungen scheinen sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts als falsch herausgestellt zu haben. Seit 1945 gelten geschichtstheoretische Versuche generell als veraltet: von Löwiths Kritik der Geschichtsphilosophie als säkularisierter Heilsgeschichte zieht sich die Verabschiedung großer Geschichtstheorie über Poppers Kritik historizistischer Extrapolationen bis hin zur zeitgenössischen Denunziation der »großen Erzählung«.
Seit 1989 gilt die Hoffnung auf eine humanere Gesellschaft als wohlgemeinte Illusion, die getäuschte Philanthropen zu rachsüchtigen Terroristen mutieren läßt. Wenn der mainstream seit 1945 recht hat, dann ist, so könnte man ungeschützt formulieren, Kritische Theorie entweder tot oder tatsächlich ein Teil der Postmoderne. Gegen diese Alternativen sollen geschichtliche Möglichkeiten skizziert werden.