02.11.1998 bis 10.05.1999

Theorie des Faschismus – Kritik der Gesellschaft

Die Vorträge
Die Vorträge
  • 02. November 1998, 18:00
    Stefan Vogt (Berlin)
    Gibt es einen kritischen Totalitarismusbegriff?
  • 23. November 1998
    Jan Weyand
    Zur Aktualität der Theorie vom autoritären Charakter
  • 14. Dezember 1998
    Moshe Zuckermann (Tel Aviv)
    Autoritärer Charakter und Kulturindustrie - ein Nachtrag zu Adorno
  • 11. Januar 1999
    Elfriede Müller (Berlin)
    Republikanischer Nationalismus und Faschismus in Frankreich
  • 08. Februar 1999
    Ulrich Bröckling (Freiburg)
    Totale Mobilmachung, totaler Staat, totaler Krieg
  • 08. März 1999
    Georg Seeßlen
    Faschismus in der populären Kultur
  • 29. März 1999
    Jochen Baumann, Anton Landgraf (Berlin)
    Der Nationalsozialismus und die Modernisierung der Sozialpolitik
  • 12. April 1999
    Gerhard Spaney (Berlin)
    Postkolonialismus und Postfaschismus
  • 10. Mai 1999
    Matthias Mrowka (Berlin)
    Walter Benjamin: Kunst, Faschismus und Modernisierung

Nach Auschwitz kann es keine Kritik der Gesellschaft ohne eine Theorie des Faschismus geben. Der Faschismus zwingt eine kritische Gesellschaftstheorie dazu, ihre eigenen Bedingungen zu reflektieren, und er zwingt ihr zugleich ihren zentralen Gegenstand auf: die Möglichkeit eines Umschlags der Zivilisation in die Barbarei. Welche Konsequenzen haben kritische Gesellschaftstheorien aus dem Faschismus für das Schicksal der bürgerlichen Gesellschaft und für die heutige postfaschistische Epoche gezogen? Und wie sehen die Bedingungen der Möglichkeit kritischer Philosophie und Gesellschaftstheorie nach Auschwitz aus?

Die Europapolitik der letzten Jahrzehnte stand noch unter dem Imperativ der deutschen Vergangenheit, erkannte Gerhard Schröder. Damit sei es jetzt vorbei. Auschwitz kann nicht mehr das letzte Motiv oder geheime Legitimation des Handelns sein, lautet sinngemäß das aktuelle Credo. Nationale Interessen würden durch die Europäische Union nicht obsolet, sondern neu herausgefordert - und die möchte man in Deutschland möglichst unbelastet von der eigenen Geschichte formulieren. In ganz Europa sind Rassismus und rechtsradikales Gedankengut in weiten Teilen der Bevölkerung wieder gesellschaftsfähig. 40 Prozent der Franzosen, 30 Prozent der Deutschen und jeder zweite Brandenburger wurden in verschiedenen neuen Erhebungen als rassistisch eingestuft.

Am Ende des 20. Jahrhunderts und knapp ein halbes Jahrhundert nach der nationalsozialistischen Barbarei formieren sich die postfaschistischen Gesellschaften wieder neu. Es stellt sich die Frage, wie diese Formierung mit dem Instrumentarium einer aus der Auseinandersetzung mit dem Faschismus entstandenen kritischen Theorie beurteilt werden kann. Denn ohne eine Theorie des Faschismus, so unsere These, kann es auch heute keine Kritik der Gesellschaft geben. Die Einsichten, die die verschiedenen Faschismustheorien für eine solche Kritik bereithalten, will die jour fixe initiative berlin in ihrer neuen Veranstaltungsreihe analysieren und diskutieren.

Der Faschismus stellt nicht allein einen fundamentalen Einschnitt in die Geschichte der Zivilisation dar, sondern auch in diejenige der Philosophie. Nach Adornos Einsicht stellt Auschwitz die Möglichkeit von Philosophie grundsätzlich in Frage und begründet gleichzeitig ihre ungebrochene Notwendigkeit. Der Faschismus zwingt eine kritische Gesellschaftstheorie dazu, ihre Bedingungen neu zu reflektieren, und er zwingt ihr zugleich ihren zentralen Gegenstand auf, die Möglichkeit nämlich eines Zusammenbruchs der Zivilisation in die Barbarei. Vor diesem Hintergrund stellt sich eine doppelte Frage. Zum einen danach, welche Konsequenzen kritische Gesellschaftstheorien aus dem Faschismus für das Schicksal der bürgerlichen Gesellschaft und damit für die heutige postfaschistische Epoche gezogen haben. Zum anderen danach, wie sie die Bedingungen der Möglichkeit kritischer Philosophie und Gesellschaftstheorie nach Auschwitz beurteilen. Insbesondere die Kritische Theorie und die poststrukturalistische Philosophie reagieren auf diese historische Situation.

Die Kritische Theorie über den Faschismus hat sehr unterschiedliche Facetten, alle kreisen sie jedoch um ein zentrales Motiv: daß der Nationalsozialismus das Ende der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet. Sozialpsychologisch konstatieren sie die Zerstörung des bürgerlichen Subjekts. Politökonomisch geht es um die Aufhebung der Trennung zwischen Staat und Gesellschaft. Geschichtsphilosophisch markiert der Nationalsozialismus das Ende der Aufklärung. An die Stelle der bürgerlichen Gesellschaft tritt im Nationalsozialismus etwas neues, der Unstaat, der Behemoth, die Barbarei. Diesen qualitativen Umschlag zu begreifen, den Faschismus mithin nicht bloß als entweder radikalisierten Kapitalismus oder Rückfall hinter die bürgerliche Epoche mißzuverstehen, ist der zentrale Punkt der Kritischen Theorie.

Aus einer solchen fundamentalen Faschismustheorie ergeben sich Konsequenzen für die Theorie des Geschichtsprozesses. Auch wenn man davon ausgeht, daß sich die bürgerliche Gesellschaft nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus weitgehend restauriert hat, so können die gesellschaftlichen Grundlagen nach 1945 nicht mehr dieselben sein wie davor. Tatsächlich hat der Nationalsozialismus eine autoritäre Modernisierung der deutschen Gesellschaft geleistet. Zwar wurde die kapitalistische Vergesellschaftungsweise im Nationalsozialismus keineswegs außer Kraft gesetzt, doch schlug der Kritischen Theorie zufolge in der Vernichtung der Juden die ökonomische Rationalität in Irrationalität um. In dem Versuch der Kritischen Theorie, diese Transformation auf den Begriff zu bringen, läßt sich ein Totalitarismuskonzept auffinden, das der affirmativen Totalitarismustheorie diametral entgegengesetzt ist und mit dem auch Hannah Arendts Thesen viel gemeinsam haben.

Doch nicht allein die traditionellen Begriffe von Ökonomie, Politik oder Gesellschaft stehen zur Disposition. Nach Auschwitz stellt sich die Frage, und auch Adorno stellte sie sich, ob nicht die Kategorie der Totalität selbst totalitär ist. Denn wenn die bürgerliche gesellschaftliche Synthesis in reine Herrschaft aufgelöst ist, dann wäre auch die Totalität keine kritische, sondern nurmehr eine affirmative Kategorie. Die Kritische Theorie fordert deshalb dazu auf, die Begriffe der theoretischen Kritik auch gegen diese Begriffe selbst zu wenden. Dies ist der Grundgedanke der negativen Dialektik Adornos, der sich in modifizierter Form auch in der poststrukturalistischen Faschismustheorie findet. In den poststrukturalistischen Theorien zum Faschismus wird aber der Begriff der Totalität aufgegeben. Der Poststrukturalismus zieht aus dem Faschismus die Konsequenz, daß eine Geschichtsphilosophie nur noch affirmativ möglich sei und gibt sie daher auf. Die Folge, daß die Kritik der Gesamtgesellschaft damit unmöglich wird, nimmt die poststrukturalistische Philosophie bewußt in Kauf. An ihre Stelle tritt die spezifische Kritik oder die Dekonstruktion.

Für den Poststrukturalismus scheint also eine traditionelle Theorie nach Auschwitz nicht möglich zu sein. Aus dem Faschismus folgt für die Kritische Theorie, die Begriffe gegen das begriffliche Denken selbst zu richten. Für den Poststrukturalismus folgt daraus die Konsequenz, eine antitheoretische Theorie zu entwerfen. Darin zeigen sich bei beiden die Aporien, denen Denken nach Auschwitz unterliegt. Im Anschluß an unsere letzte Veranstaltungsreihe, die sich dem Verhältnis von Kritischer Theorie und Poststrukturalismus gewidmet hat, will die jour fixe initiative berlin dieses Mal fragen, welche Beiträge die beiden Denktraditionen für eine Theorie des Faschismus leisten, und wie sie auf die Aporien des Denkens nach Auschwitz reagieren. Eine solche Fragestellung soll die Perspektive darauf eröffnen, welchen Beitrag diese Faschismustheorien für eine radikale Gesellschaftskritik heute leisten können.