11. Juni 2000

Interpreten des Grauens

Geschichte und Verbrechen im französischen roman noir
Die weiteren Vorträge der Reihe
"Geschichte nach Auschwitz"

"Es ist die Selbstbesinnung, welche Gewalt innehalten läßt im Augenblick der Erzählung".
(Ernst Bloch)


Hayden White hat auf den Unterschied zwischen einer objektiven Geschichte und einem subjektiven Blick aufmerksam gemacht. Sein Augenmerk gilt den diversen Plots der Geschichtsschreibung. Wir werden uns in diesem Vortrag der Plotstruktur des französischen Kriminalromans widmen. Der französische polar versucht analog der Kritischen Theorie das Grauen der Gegenwart aus der Geschichte zu entschlüsseln. »Wer die Vergangenheit vergißt, verurteilt sich dazu, sie noch einmal zu erleben«, steht als Motto über einem Roman von Didier Daeninckx. Ein gravierender Unterschied besteht nicht nur in der literarischen Form sondern vor allem in der Personifizierung der Aufklärung durch linke Antihelden mit melancholischem und pessimistischem Weltbild, die sich der Destruktion des Subjektes sanft widersetzen. Der linke Antiheld, eine subjektivierte Flaschenpost, geht von gar nichts mehr anderem als vom Scheitern aus. Wie bei Th. W. Adorno und M. Horkheimer wird die geschichtliche Totalität als negative Verfallsgeschichte konzipiert. Der französische polar sucht wie Walter Benjamin die retrospektive Figur, die Geschichte aus der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur zu entschlüsseln. Sein Anliegen ist es an »die verlorenen Prozesse, die nicht verwirklichten Möglichkeiten« (Siegfried Kracauer) zu erinnern.
Im französischen Krimi wird nach den Ursachen des aktuellen Rassismus und Antisemitismus im Nationalsozialismus und Algerienkrieg gesucht. Wir widmen uns den Werken von Autoren, die Geschichte im Zentrum ihrer Plots haben wie Jean-François Vilar, Colonel Durruti, Hélène G. Couturier, Didier Daeninckx etc. Gemeinsam bleibt augenscheinlich so unterschiedlichen Plots das Verlangen nach Selbstreflexion und Selbstvergewisserung in einer aussichtslosen Gegenwart. Ist der französische Krimi eine zeitgenössische Form, Geschichte zu erzählen oder gar eine aktuelle linke Praxis?