"Schicksalsverwandtschaft"?

Gegenstand des Vortrags bildet die Rezeption von Frantz Fanons antikolonialen  Texten durch den Intellektuellen und Auschwitz-Überlebenden Jean Améry. War dessen Urteil über eine »Schicksalsverwandtschaft« zwischen ihm und Fanon zuerst Ausdruck einer empathischen Bezugnahme, sollte es später einer Engführung von Kolonialgewalt und Holocaust in der Genozidforschung den Weg ebnen. Amérys Erfahrung als Wider standskämpfer und politisches Opfer des Nationalsozialismus bot zwar Anschlussmög lichkeiten an Fanons Antikolonialismus; an der jüdischen Erfahrung des Holocaust zerbrach derlei Analogie jedoch. Amérys widersprüchliche Fanon-Rezeption legt somit die Spannung zwischen politischer Empathie einerseits und der historischen Unterscheidung von Kollektivgewalt und Tod andererseits offen.